Földeák: Géza Maróczy - Leben und Lehren
Produktinformationen "Földeák: Géza Maróczy - Leben und Lehren"
Reihe: "Meilensteine des Schach" Band 14
Wenn es in der Schachwelt – wie in anderen Bereichen des Lebens – neben den 'leuchtenden Stars' so etwas gibt wie 'graue Eminenzen', so gehörte der Ungar Géza Maróczy zweifellos der zweiten Kategorie an. Womit – um Missverständnissen vorzubeugen – nicht etwa gemeint ist, dass er ein zweitklassiger Spieler war.
Denn immerhin erreichte er zu seiner besten Zeit etliche Siege und Spitzenplatzierungen bei den stärksten Turnieren – z.B. den 2.Platz in Nürnberg 1896 – zwar hinter Lasker, jedoch vor Tarrasch, Pillsbury, Janowski und Steinitz; den 1. Platz in Ostende 1905 vor Janowski und Tarrasch; den geteilten 1. Platz in Barmen 1905 gemeinsam mit Janowski vor Marshall usw.
Und so ist es kein Wunder, dass er neben Siegbert Tarrasch als würdigster Herausforderer des gelegentlich wankenden Weltmeisters Emmanuel Lasker gehandelt wurde. Dass es jedoch nie zu einem Weltmeisterschaftskampf kam, lag vor allem daran, dass Maróczy – im Gegensatz zu Lasker – berufstätig war und nur seinen spärlichen Urlaub zum Schachspielen nutzen konnte.
Seine geringere Bekanntheit lag womöglich an seinem Stil, der nicht auf Glanz und Gloria ausgerichtet war, sondern auf positionelle Präzision und geschliffene Endspielführung – eine Definition, die interessanterweise in heutiger Zeit dem Stil von keinem Geringeren als dem amtierenden 'Super-Weltmeister' Magnus Carlsen zugeordnet werden könnte.
Wie auch immer gelingt es dem Autor ganz vortrefflich, uns Géza Maróczy näherzubringen, und zwar nicht allein den Schachspieler und -lehrer, sondern vor allem auch den Menschen.
176 Seiten, kartoniert, Joachim Beyer Verlag
Rezension von Dr. Michael Petro im Dezember 2025
Exzellenter Theoretiker und Praktiker
Allseits bekannt in der Eröffnungstheorie ist die Maróczy-Struktur. Bis heute ist sie ein fester Bestandteil der Turnierpraxis. Weniger prominent ist ihr Schöpfer. Dabei war er zeitweise der beste Spieler der Welt. Ein Blick zurück in eine ferne Epoche der Schachgeschichte.
Ein Zufall ebnete den Weg für Géza Maróczy (sprich: Marotsi). Im Jahr 1895 fand in Hastings eines der bis dahin stärksten Turniere der Schachgeschichte statt. Auch der Ungar Gyula Makovetz erhielt eine Einladung, konnte jedoch nicht teilnehmen. Stattdessen schlug er seinen noch unbekannten Landsmann Maróczy vor. Als „Amateur“ ohne internationale Resultate konnte der zwar nicht am Meisterturnier teilnehmen, erhielt aber einen Platz im ebenfalls gut besetzten Hauptturnier – und gewann.
„Die zeitgenössischen Quellen widmeten dem temperamentvollen Spiel des jungen Meisterkandidaten hohes Lob“, wie Maróczys Biograf Walter Árpád Földeák berichtet. „Der Sieg in Hastings bedeutete für ihn das Meisterdiplom.“ Und er knüpfte erste Kontakte mit seinen künftigen Rivalen: „Der bescheidene und freundliche Mann erwarb sich während der Turnierpausen auch in leichten Partien unter den Meistern Respekt.“
Siegbert Tarrasch schenkte ihm sein Buch Dreihundert Schachpartien und lud ihn fürs kommende Jahr zum Internationalen Turnier nach Nürnberg ein. Für den jungen Ungarn blieb beides nicht folgenlos: „Ich studierte das Buch eingehend. Mein Spiel wurde durch Zauberschlag umgeformt und ruhiger. Mein Spieltempo wurde langsamer, ich verwendete mehr Zeit für die wissenschaftlichen Grundlagen der Partie, ich lernte die Stellungen erwägen und beurteilen. Auch meine Endspielkenntnisse nahmen beträchtlich zu.“
Seine akribische Vorbereitung trug Früchte: Die Siegertrophäe in Nürnberg 1896 ging zwar an Weltmeister Emanuel Lasker, aber der ungarische Neuling wurde im Feld der 19 Teilnehmer sensationeller Zweiter (vor Tarrasch). Nur dem Exweltmeister Wilhelm Steinitz musste er sich im direkten Duell geschlagen geben. Dies war der Auftakt einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte: Im Lauf seiner Karriere nahm er an 67 Turnieren teil und stand in mehr als der Hälfte davon auf dem Siegerpodest: 13-mal wurde er Erster, 16-mal Zweiter und siebenmal Dritter.
Geboren 1870 in Szeged, 170 Kilometer nördlich von Budapest, war Géza erst mit 14 oder 15 Jahren zum Schach gekommen. Er selbst sagte dazu: „Weder väterlicher- noch mütterlicherseits gab es in meiner Familie irgendein Schachtalent.“ Als Gymnasiast maß er seine Kräfte mit Älteren in Cafés. Da der talentierte Junge bald keine gleichwertigen Gegner mehr fand, begann er, blind zu spielen. 1893 nahm er am ersten ungarischen Fernschachturnier der damaligen Zeit teil und belegte unter 19 Teilnehmern gemeinsam mit Rudolf Charousek den ersten Platz.
Genauso ungewöhnlich wie sein Karrierebeginn in Hastings scheint auch seine berufliche Laufbahn gewesen zu sein. Das ungarische Wikipedia berichtet von einer Ausbildung zum Techniker, Tätigkeiten für die Budapester Wasserwerke, als Mathematiklehrer, Versicherungsbeamter und Intendant des Opernhauses. Durch die ständige Doppelbelastung von Brotberuf und Schach lassen sich die relativ seltenen Auftritte Maróczys erklären. Es scheint, dass seine Arbeitgeber die Zweitbeschäftigung nicht gern sahen und ihm bisweilen den Urlaub verweigerten, um an Turnieren teilzunehmen.
Weg in die Weltspitze
Ein Hemmschuh waren für Maróczy die damals oft extrem langen Turniere. Bedingt durch große Teilnehmerfelder, wobei sich die Kontrahenten oft sogar zweimal gegenübersaßen, war eine Dauer von zwei Monaten keine Seltenheit. Etwa in Wien 1898, wo er wieder als Einspringer startete und sich mit Platz 8–9 von 19 begnügen musste. Wenn er mit 20,5 aus 37 auch kein herausragendes Ergebnis erzielte, so platzierte er sich doch direkt hinter der absoluten Elite mit Tarrasch, Pillsbury, Janowski, Steinitz, Schlechter und Tschigorin.
Beim Londoner Schachturnier 1899 belegte Maróczy zusammen mit Pillsbury und Janowski hinter Weltmeister Lasker den 2.–4. Platz im Feld der damals weltbesten Schachspieler. Im Juni 1900 war er beim Internationalen Schachturnier in Paris Dritter hinter Lasker und Pillsbury, im August desselben Jahres beim Internationalen Turnier in München gemeinsam mit Pillsbury und Schlechter Erster. Dazu erhielt er den Sonderpreis für die meisten gewonnenen Partien.
1901 musste Maróczy pausieren, weil ihm wegen seiner vielen Fehlzeiten der Verlust seiner Stelle drohte. Im Jahr 1902 nahm er jedoch eine Einladung zum Turnier von Monte-Carlo an und nahm unbezahlten Urlaub. Alle starken Schachmeister der damaligen Zeit nahmen teil, mit Ausnahme des Weltmeisters Lasker. Maróczy gewann das 22-köpfige Turnier, das sechs Wochen dauerte, vor Pillsbury und Janowski. Danach musste er wegen beruflicher Verpflichtungen mehrmals pausieren.
Das nächste Mal saß er 1903 in Monte-Carlo am Tisch. Er startete schlecht in das doppelrundige Turnier, legte aber mit 11 aus 13 in der zweiten Hälfte mächtig zu und wurde mit 19 Punkten aus 26 Partien Zweiter hinter Tarrasch. Ein Jahr später verband er die Teilnahme in Monte-Carlo mit seinen Flitterwochen. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen wurde der erste Platz in der letzten Runde ausgefochten, und zwar im direkten Aufeinandertreffen der beiden punktgleich Führenden. Maróczy gelang es, Frank Marshall zu bezwingen und sich den ungeteilten Sieg zu sichern.
Aber es gab noch einen zweiten Erfolg: Er bekam eine Stelle als Mathematiklehrer, und die Schulferien verschafften ihm mehr Zeit fürs Schach. Die ganz großen Sprünge blieben ihm trotzdem verwehrt: 1904 lehnte er eine Einladung zum Turnier im US-amerikanischen Cambridge Springs ab, das sehr günstige Bedingungen bot. Das Preisgeld war hervorragend, er und seine Frau hätten Bahn- und Schiffstickets erster Klasse sowie Unterkunft und Vollpension während des gesamten Turniers erhalten. Aber es fiel nicht in die unterrichtsfreie Zeit und hätte mit fast vier Wochen Dauer plus Anreise zu viele Tage verschlungen.
Laskers Herausforderer
Das größte Schachereignis des Jahres 1905 war das internationale Turnier in Ostende. Die Zeitungen der damaligen Zeit verglichen es mit einer WM, da alle Spitzenmeister mit Ausnahme von Lasker und Pillsbury daran teilnahmen. Und es sollte ein Indiz dafür sein, wer Herausforderer des amtierenden Weltmeisters Emanuel Lasker werden sollte. Tarrasch und Maróczy galten als die Favoriten. Maróczy siegte im doppelrundigen Turnier mit einem überzeugenden Vorsprung von eineinhalb Punkten. Er gewann 16 von 26 Partien, bei sieben Remis und drei Niederlagen.
Knapp einen Monat später begann in Barmen ein Turnier, bei dem fast alle Teilnehmer von Ostende antraten. Maróczy konnte seine Form, aber vor allem seinen unbändigen Kämpfergeist bestätigen: Nach einem schlechten Start erreichte er in den letzten sieben Partien 6,5 Punkte und sicherte sich gemeinsam mit Janowski den ersten Platz. Auch Lasker hielt ihn nun für den würdigsten Herausforderer, Verhandlungen begannen.
Laskers Idee war es, von St. Petersburg nach San Francisco zu reisen, möglicherweise auch nach Südamerika, und in jedem größeren Schachzentrum gegen eine feste Gebühr eine oder zwei WM-Partien zu spielen. Maróczy war sogar in die USA gekommen, um mit dem dort lebenden Weltmeister über die Konditionen zu sprechen. Deshalb konnte er 1906 auch in Cambridge Springs teilnehmen, wo ihm der schon sicher scheinende Sieg entglitt.
Maróczy hoffte, seine Gönner würden die von Lasker geforderte Börse aufbringen. Im April 1906 meldeten mehrere Zeitungen, dass ein Vertrag für das Match unterzeichnet worden sei und Wien, Havanna und New York als Austragungsorte feststünden. Aber das Kräftemessen kam nie zustande. Walter Árpád Földeák schreibt: „Aus der Ferne von mehr als sechzig Jahren fällt es schwer, den Gang und die innere Triebfeder der Ereignisse richtig zu erkennen oder zu beurteilen.“
Er meint, dass die Reisestrapazen und der Misserfolg in Cambridge Springs bei Maróczy Zweifel geweckt haben. Andere Quellen sehen Unruhen auf Kuba, gefolgt von einer US-amerikanischen Militärintervention, als Grund, wieder andere die Forderung Wiens, die letzten Partien des Matches zu bekommen. Und André Schulz schreibt in Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften, dass Maróczy den von Lasker geforderten finanziellen Einsatz nicht aufbringen konnte und so das Match platzte.
Was auch immer der Hauptgrund gewesen sein mag: Ziemlich schnell vereinbarte der Weltmeister, der damals seine Herausforderer noch selbst bestimmen konnte, einen Titelkampf mit Frank Marshall, das Anfang 1907 stattfand. 1908 spielte er ein WM-Match gegen Tarrasch. War das für Lasker die bequemere Wahl? Im Jahr 1906 erreichte Maróczy mit 2820 seine beste historische Elo-Zahl. Insgesamt lag er in 30 Monaten zwischen 1904 und 1907 auf Platz eins der von Jeff Sonas nachträglich berechneten Weltrangliste.
Neue Prioritäten
Hauptereignis des Jahres 1907 war das Karlsbader Turnier. Außer Lasker und Tarrasch nahmen alle berühmten Schachspieler der Zeit teil. Mit einem halben Punkt Rückstand auf Akiba Rubinstein belegte Maróczy den zweiten Platz. Berufliche Sorgen – er hatte nur einen befristeten Vertrag – beeinträchtigten sein Spiel. Er hatte sich entschieden: gegen das Leben als Profi, für einen sorgenfreien Job und ein Leben im Kreise seiner Familie.
Und endlich kam das ersehnte Angebot: eine Anstellung, noch dazu in verantwortungsvoller Position, bei der Nationalen Berufskranken- und Unfallversicherung. Damit rückte das Schach weiter in den Hintergrund. Was hätte er erreichen können, wenn er sich anders entschieden hätte? Seine Bilanz bis dato ließ sich jedenfalls sehen. Er hatte nicht nur etliche Turniersiege verbucht, sondern auch alle großen Meister der Zeit geschlagen, einschließlich des Weltmeisters.
Das erhoffte ruhige Leben blieb eine Episode. Nach Ende des Ersten Weltkriegs war Ungarn kurzzeitig ein sozialistischer Staat. Maróczy ließ sich überreden, die wirtschaftliche Leitung der staatlichen Theater zu übernehmen. Als diese Räterepublik zusammenbrach, wurden ihre ehemaligen Funktionäre, Anhänger und Sympathisanten, aber auch zahllose Unbeteiligte Ziel des sogenannten Weißen Terrors. Mehr als 100.000 Menschen flohen ins Ausland, darunter eine bedeutende Zahl von Künstlern und anderen Intellektuellen. Zu ihnen zählte auch Maróczy.
Die Familie lebte zunächst in Österreich, später in Deutschland, den Niederlanden und England. Um Geld zu verdienen, kehrte er ans Schachbrett zurück. Im Juni 1920, etwa zehn Jahre nach seinem letzten großen Wettbewerb, die große Bewährungsprobe: Drei europäische Schachmeister – Maróczy, Richard Réti und Savielly Tartakower – traten in Amsterdam gegen vier holländische Spieler an, darunter der junge Max Euwe. Maróczy sicherte sich zusammen mit Tartakower ungeschlagen Platz zwei hinter Réti und zeigte damit, dass er auch nach der langen Pause noch ein gefährlicher Gegner war.
1923 war ein Jahr der Erfolge: dem zweiten Platz beim Liverpool Masters hinter Mieses folgte der 1.–3. Platz in Karlsbad, gemeinsam mit Alexander Aljechin und Efim Bogoljubow. „In Karlsbad spielte er mit der Stärke, Sicherheit und Ruhe seiner Glanzzeit. Er hielt die Initiative sogar gegen die Besten, führte den Angriff mit Schärfe und Witz und zeigte absolute Sicherheit im Endspiel“, schrieb die Magyar Chess World über seine Ergebnisse. Im letzten Turnier des Jahres wurde er in Hastings Zweiter hinter Euwe. Mit diesen Ergebnissen kehrte er in die Top Ten der Weltrangliste zurück, auf Platz acht.
Sein Erfolg führte zu einer Einladung, am New Yorker Großmeisterturnier 1924 in New York teilzunehmen. Alle Größen der damaligen Zeit waren versammelt, darunter der damalige Weltmeister Capablanca, Exweltmeister Lasker und der künftige Weltmeister Aljechin. Maróczy zeigte eine respektable Leistung, erhielt einen Sonderpreis für das beste Ergebnis gegen die fünf Besten und belegte den sechsten Platz des Turniers.
Ende 1924 nahm er am traditionellen Weihnachtsturnier von Hastings teil. Vor dreißig Jahren hatte er am Masters dieses Turniers teilgenommen, nun gewann er ungeschlagen die Grand-Masters-Gruppe. Vor dem Turnier hatte er auf seiner Simultantournee durch England 509 Partien gewonnen, nur vier verloren und siebzig remis gespielt, womit er den damaligen Rekord von Capablanca übertraf.
Danach absolvierte er auf Einladung der Zeitschrift American Chess Bulletin eine erfolgreiche amerikanische Simultantournee. Sie führte dazu, dass ihm ein Zweijahresvertrag beim Manhattan Chess Club in New York angeboten wurde, den er annahm. Auch dauerhaft wäre in Amerika für ihn und seine Familie eine gesicherte Existenz möglich gewesen. Er aber wollte in Ungarn leben, wo sich inzwischen eine Bewegung für die Rehabilitierung und Rückkehr Maróczys einsetzte.
Im Juli 1926 saß er nach eineinhalb Jahren Pause wieder bei einem Einzelwettbewerb am Brett. Bei der Panamerikanischen Meisterschaft in Lake Hopatcong belegte er den zweiten Platz hinter Weltmeister Capablanca, bei der Amerikanischen Meisterschaft in Chicago wurde er Zweiter hinter Frank Marshall.
Zurück in Ungarn
1927 konnte er nach Ungarn zurückzukehren. Um dieses Ereignis rankt sich eine Anekdote, die Maróczy selbst so erzählte: „Mein Freund Gyula Späth, ein Stadtrat, brachte mich nach meiner Ankunft in Győr in ein Café. Er stellte mich den besten Schachspielern der Stadt vor und präsentierte mich als einen Schiffskapitän, der so gut spielt, dass er sogar ihn fast besiegt hätte.
Ich spielte eine Partie nach der anderen und gewann alle fünf oder sechs hintereinander. Die ausgezeichneten Schachspieler von Győr waren völlig verblüfft. Nach dem zehnten Zug befand sich mein letzter Gegner in einer so schlechten Stellung, dass er ausrief: ,Nur Maróczy könnte in dieser Stellung gegen dich gewinnen ...‘ Von mir ermutigt, tauschten wir die Plätze, ich übernahm seine Stellung und gewann. Dann stellte ich mich allen vor: ,Ich bin Géza Maróczy! Ein falscher Seemann, ein falscher Kapitän!‘“
Nun kam er auch – als Spieler und Kapitän – bei Schacholympiaden für Ungarn zum Einsatz. Aber seine Ergebnisse begannen nachzulassen, auch wenn immer noch vordere Plätze dabei waren. Er war inzwischen fast sechzig Jahre alt. Ein herausragender Erfolg war die Schacholympiade in Hamburg 1930: Am ersten Brett gewann er sechs Partien, spielte viermal remis und musste sich nur zweimal geschlagen geben. Mit diesem Ergebnis hatte er einen wesentlichen Anteil am zweiten Platz der ungarischen Nationalmannschaft – hinter Polen und vor Deutschland.
1936 nahm er an seinen letzten großen Wettkämpfen teil. In Dresden, wo Aljechin gewann, belegte er den 3.–4. Platz; in Zandvoort, wo auch Weltmeister Euwe antrat, den 5.–6. Platz. Bei der inoffiziellen Schacholympiade in München sollte er nur Mannschaftskapitän sein, war aber von der dritten Runde an dabei und verlor nur einmal, bei zwei Siegen und acht Unentschieden. Im Alter von 66 Jahren konnte er mit der ungarischen Mannschaft den Gewinn der Goldmedaille feiern. 1951 ist er in Budapest gestorben.
Der ehemalige Weltmeister Capablanca sagte 1942 in einem Interview über Maróczy: „Als Schachspieler braucht er nur ein wenig mehr Fantasie und Angriffsgeist. Sein Stellungsurteil, die einzigartige Eigenschaft eines wahren Meisters, ist in den Feinheiten des Kampfes auf dem Brett tadellos. Er spielt mit Präzision und ist ein hervorragender Experte im Endspiel.“
Zu seinen Stärken zählte auch das Schreiben. Er galt als führender Theoretiker und Pädagoge. Fast vier Jahrzehnte lang führte er seine berühmte Spalte in der Zeitung Pesti Hirlap, in Schachzeitschriften war er ebenfalls präsent. Hinzu kamen viel gelesene Bücher, sein Werk über Paul Morphy erschien auch auf Deutsch und Russisch. Eine Sammlung seiner besten Partien fand genauso einen deutschen Verleger wie seine Monografie über die Französische Verteidigung, die sogar 2020 neu aufgelegt wurde.
Von seinen Ratschlägen profitierten Max Euwe und die erste Weltmeisterin, Vera Menschik, mit denen er in seiner Exilzeit eng zusammenarbeitete. Vor allem leistete er einen Beitrag zur Schachtheorie mit der Maróczy-Struktur, die er zwar nicht als Erster spielte, aber eingehend analysierte. Mit Weiß hatte er sie in Turnierpartien übrigens nie auf dem Brett. Heute spielt sie der polnische Weltklassespieler Jan-Krzysztof Duda mit beiden Farben hervorragend.
BU: Die bislang einzige deutschsprachige Biografie ist im Joachim Beyer Beyer Verlag erschienen.
Rezension von Jörg Palitzsch im April 2018
Der deutsche Schachmeister Richard Teichmann hatte eine hohe Meinung über den ungarischen Großmeister Géza Maróczy. „Maróczy ist ein profunder Spieler und er spielt das Endspiel sehr gut. In seiner besten Form ist er ein sehr gefährlicher Gegner in dieser Art von Turnier“, sagte er 1911 am Rande des Internationalen Turniers in San Sebastián. Und José Raúl Capablanca, Schachweltmeister von 1921 bis 1927, erinnerte sich in einem Radiobetrag mit dem Titel „Lecciones elementales de ajedrez“: „Sein (Maróczys) positionelles Urteil, die höchste Qualität des wahren Meisters, war ausgezeichnet. Als sehr präziser Spieler und ausgezeichneter Endspielkünstler wurde er als Experte für Königinnenspiele berühmt.“ In der Serie „Meilensteine des Schach“ ist jetzt das 1971 erschienene Buch von Walter Árpád Földeák über den ungarischen Schachspieler Géza Maróczy in einer zweiten und überarbeiteten Auflage erschienen.
Géza Maróczy betrat 1895 in Hastings die internationale Schachbühne, er war damals 25 Jahre alt. Dieses Turnier dokumentiert bis heute in vielerlei Hinsicht einen Wandel im Schach. Weltmeister Wilhelm Steinitz hatte einige Zeit davor seinen Titel an den jungen Emanuel Laser verloren. Hastings war auch der Beginn von Kur- und Hafenstädten als Austragungsort von Turnieren, die bis dahin zumeist im Großstädten stattfanden. Auch die romantische Schachauffassung war in den Hintergrund gerückt, Strategie und Positionsspiel hielten Einzug.
Dies kam der schachlichen Rezeptur von Géza Maróczy sehr entgegen. Ihm war es möglich Schwächen zu überspielen, sie in eine Verteidigung zu drehen, die Initiative zu ergreifen und das Spiel so zu gewinnen. Er vertrat die Ansicht, eine solide Verteidigung könne dazu führen, dass der Gegner zu viele Risiken eingeht. Und Maróczy setzte auf Endspiele mit einer starken Dame, die ihm zeigte, welche Schwächen der Gegner hat. Als er 1905 das Turnier in Ostende gegen den Amerikaner Frank Marshall gewann, gaben ihm seine Zeitgenossen den Titel „Der Kaiser der Damenendspiele“.
In vielen Partien des Buches, die Autor Földeák zusammengetragen hat, lässt sich dieser Spielstil nachvollziehen. Géza Maróczy, so schreibt der slowenische Schach-Großmeister Milan Vidmar in seinen Schacherinnerungen, habe jedes Turnier mit dem Aufgebot all seiner Kräfte ohne zu wanken durchgekämpft und nur auf das Ziel, den ersten Preis, ausgerichtet.
So war es auch 1895 in Hastings: Für das Turnier wurden 22 Schachmeister zugelassen, um es zeitlich nicht zu lang werden zu lassen. Spielern, denen abgesagt wurde, spielten in einem parallel ausgetragenen Hauptturnier, das von Maróczy gewonnen wurde. 1924 setzte er sich in Hastings dann „regulär“ an die Spitze. Es wurde in zwei Gruppen gespielt. Mit Savielly Tartakower, der den Begriff der „Hypermodernen Schule“ prägte und Sieger der anderen Gruppe war, spielte Maróczy noch eine Partie, die remis endete.
Walter Árpád Földeák, der unter anderem 1952 das Buch „Hundert preisgekrönte Schachpartien“ vorgelegt hat, zeichnet in „Géza Maróczy – Leben und Lehren“ den schwierigen Lebensweg des Ungarn auf, der für kurze Zeit als ernstzunehmender Herausforderer des deutschen Weltmeisters Emmanuel Lasker galt. Nur war Maróczy, im Gegensatz zu Lasker, beruflich stark eingebunden und auch nicht mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet, die es ihm erlaubt hätten, sich ausschließlich auf das Schachspiel zu konzentrieren. Materielle Sorgen zwangen ihn, 1920 Ungarn zu verlassen, unter anderem verbrachte er die Zeit bis 1928 in Holland, Deutschland und Amerika. Inzwischen 50 Jahre nahm er immer noch an Turnieren teil, musste aber oft genug den jüngeren Spielern die ersten Plätze überlassen. 1928 kehrte er in seine Heimat zurück und unterstützte die ungarischen Meister bei den FIDE-Olympiaden und der Münchner Olympiade 1936. Danach zog sich Maróczy vom aktiven Spiel zurück und widmete sich seinen literarischen Tätigkeiten. Er führte Schachspalten in Zeitungen und analysierte dafür über 2000 Partien. Er veröffentlichte Schachbücher, darunter eine der besten Sammlungen der Spiele des amerikanischen Meisters Paul Morphy. Maróczy, Ikone des ungarischen Schachs und unermüdlicher Lehrmeister, starb 1951 mit 81 Jahren in Budapest. „Ich sterbe gern, denn die Welt ist so hässlich geworden“, soll er am Ende gesagt haben.
Der Beschreibung des Lebensweges schließt sich im Buch ein 73-seitiger Lehrteil mit rund 35 Partien an. Sie zeigen nicht nur die präzise Spielweise Maróczys, sondern auch seine analytische Urteilskraft über Partien, die er für die Zeitschriften Pesti Hirlap (Pester Journal) und Békés geschrieben hat.
Fazit: Géza Maroczy war um 1900 einer der besten Spieler der Welt. Das Buch von Walter Árpád Földeák beleuchtet die spielerische als auch menschliche Seite des großen Ungarns mit allem Respekt und wahrt so das Andenken an eine große Persönlichkeit.















