Geilmann: Veras Vermächtnis
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Produktinformationen "Geilmann: Veras Vermächtnis"
254 Seiten, kartoniert, Joachim Beyer Verlag
Rezension: veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 185 vom 15. August 2026
Man stelle sich das Unglaubliche einmal vor: Über den ersten Schachweltmeister Wilhelm Steinitz gäbe es nur eine Handvoll Bücher zu seinem Leben und seiner Karriere am Brett, und dass in der heutigen Zeit kaum noch jemand, abgesehen von Experten und Schachhistorikern, etwas über ihn wüsste oder sich an ihn erinnerte. Das ist so wenig vorstellbar wie glaubhaft.
Und doch existieren über die erste Schachweltmeisterin Vera Menchik lediglich ein paar Werke mit geringer Reichweite. Immerhin wurde 1957 der Vera-Menchik-Cup, der seitdem an die Siegerinnen-Mannschaft der alle zwei Jahre stattfindenden Schacholympiade der Frauen verliehen wird, nach ihr benannt. Ansonsten wüstenhaftes Vergessen über eine Person, die das Frauenschach überhaupt ins Bewusstsein ihrer Zeit brachte und mit Fug und Recht als Vorreiterin gelten darf, die den Frauen am Schachbrett eine Stimme, ein Vorbild, einen unverzichtbaren Stellenwert gegeben hat.
Als sie 1926 an einem Männerturnier ihres Vereins teilnahm, ahnte noch niemand etwas von ihrer Spielstärke und späteren Rolle im Schachspiel. Sie schloss auf dem geteilten letzten Platz ab, was kein großes Aufsehen erregte. Doch im Jahr darauf gewann sie in London mit zehn Siegen und einem Remis ein Damenturnier, das wegen der hohen Qualität seiner Teilnehmerinnen nachträglich zur ersten Schachweltmeisterschaft der Frauen erklärt wurde. Somit war Vera Menchik die erste Weltmeisterin der Schachgeschichte, sie konnte ihren Titel bis zu ihrem tragischen Tod 1944 verteidigen. 1928 startete sie als erste Frau überhaupt an einem Meisterturnier in Hastings. Zwar belegte sie am Ende einen der hinteren Plätze, sorgte gleichwohl für Aufsehen, schlug sie doch im Wettkampf Abraham Baratz, einen rumänisch-französischen Meister, der gemeinsam mit George Koltanowski das Turnier gewann.
Von da an ging ihre Karriere steil bergauf. Sie überzeugte an allen WM-Kämpfen und verlor nur eine einzige Partie bei vier Remisen und sonst lauter Siegen. Unter namhaften Größen schlug sie Meister wie Max Euwe, Samuel Reshevsky, Frederick Yates, Edgar Colle, Karel Opocensky, Sir George Thomas, Akiba Rubinstein und Sultan Khan und erhielt allergrößtes Lob von keinen Geringeren als den Weltmeistern Alexander Aljechin und José Capablanca.
Ungeachtet dieser Wertschätzung aus berufenem Mund hielt die geringe Beachtung, um nicht zu sagen Missachtung Vera Menchiks an. Das jüngst erschienene Buch "Veras Vermächtnis" von Ulrich Geilmann gehört zu den wenigen Werken, die sich mit dieser schillernden Figur in der Schachgeschichte auseinandergesetzt haben. Woran dieses Manko lag? Vielleicht am Chauvinismus der Männerwelt im Schach? Oder am fehlenden Mut der Verlage? Jahrzehntelang blieb sie ungewürdigt, ein Fauxpas sondergleichen.
Geilmann hat diese Lücke in den Erinnerungen der Schachhistorie ehrenwerterweise geschlossen und eine Biographie verfasst, welche die wichtigsten Etappen ihres Aufstiegs ebenso akkurat nachzeichnet wie ihre größten Erfolge am Brett akzentuiert kommentiert. Fotos von ihr und ihren Gegnern lassen wieder aufleben, was lange im Dunkeln lag. Dieser fast vergessenen Schachweltmeisterin den gebührenden Rahmen eines Buches gegeben zu haben, kann sich der Autor als hohes Verdienst anrechnen.
Dankenswerterweise hat es der Autor nicht versäumt, auch speziell auf "Veras Vermächtnis" einzugehen und der Frage Raum zu geben, wie und unter welchen Umständen es Frauen in der Folgezeit geschafft haben, eine Ebenbürtigkeit zu den Männern anzustreben, welche Erfolge hierbei aufzuweisen sind und wo noch Unterschiede klaffen. Gerade letzterem Punkt ist das Kapitel "Frauenschach heute" gewidmet, wo Bezug genommen wird auf den aktuellen Stand und die sozioökonomischen Hindernisse, mit denen Frauen weiterhin konfrontiert sind, wenn sie beispielsweise eine Laufbahn als Berufsspielerin ins Auge fassen.
Menchiks Biographie folgt dem Lauf der Turniere, an denen sie mit wechselndem Erfolg teilgenommen hat. Daran gibt es keinen Makel, nichts ist an diesem chronologischen Vorgehen auszusetzen, doch hätte das Schachherz höher geschlagen, wenn man neben numerischen Meilensteinen auch etwas Persönliches erfahren hätte über diese einzigartige Frau aus der Frühzeit der modernen Turniergeschichte und den Anfängen der feministischen Kämpfe um Gleichberechtigung, etwa über das Verhältnis zu ihren Schachlehrern und ihren etwaigen Einfluss auf die Frauenbewegung.
Ansonsten ist das Buch piekfein recherchiert und geschrieben worden, vielleicht ist es sogar eine späte Liebeserklärung an die Adresse einer Frau, die die Geschichte bewegt hat durch ihren unerschütterlichen Mut an den Grenzen männlicher Vorurteile und schlichtweg unangemessener Überheblichkeit.
Rezension von Jörg Palitzsch im Januar 2026
Ulrich Geilmann widmet sich in seinem Buch „Veras Vermächtnis“ dem Leben und der Bedeutung von Vera Menchik-Stevenson, der ersten Schachweltmeisterin der Geschichte. Die Biografie zeichnet ihren Weg von der Kindheit in Russland über den Neuanfang in England über ihre internationalen Turniererfolge und ihrem Tod während des Zweiten Weltkriegs nach. Der Autor folgt auf rund 150 Seiten einer klaren chronologischen Struktur, die es erleichtert, sowohl die persönliche Entwicklung als auch die schachliche Laufbahn Menchiks nachzuvollziehen.
Neben den biografischen Stationen wird auch der historische Kontext ausführlich berücksichtigt, ergänzt durch unzählige Fotos. Geilmann stellt dar, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menchik aufwuchs und wie ungewöhnlich ihre Karriere in einer von Männern dominierten Schachwelt war. Gleichzeitig vermeidet er eine rein symbolische Darstellung und betont stattdessen ihre spielerische Stärke und ihre konstanten Erfolge auf hohem Niveau, angereichert mit zahlreichen Diagrammen. Menchik dominierte nicht nur den Frauenschach, sondern gewann auch zahlreiche Partien gegen führende Meister ihrer Zeit. Dies wird anhand konkreter Turnierergebnisse und ausgewählter Partien belegt.
Ein wesentlicher Bestandteil des Buches ist die umfangreiche Partiensammlung, die auf 100 Seiten einen großen Raum einnimmt. Diese richtet sich vor allem an schachlich interessierte Leser mit Spielerfahrung und bleibt insgesamt gut verständlich und nachvollziehbar. Die Partien ergänzen die biografischen Kapitel und verdeutlichen die praktische Stärke Menchiks am Brett. Leser, die sich ausschließlich für die Lebensgeschichte interessieren, können diesen Abschnitte auch getrennt vom Haupttext lesen, eine kleine Aufgabensammlung führen weiter in den Stil von Vera Menchik-Stevenson ein.
Der Schreibstil ist sachlich und zurückhaltend, Geilmann verzichtet auf Dramatisierungen und konzentriert sich auf überprüfbare Fakten, was dem Buch einen dokumentarischen Charakter verleiht. Ergänzt wird die Biografie durch einen Ausblick auf den heutigen Stand des Frauenschachs, der Menchiks historische Rolle in einen größeren Zusammenhang einordnet.
Insgesamt bietet „Veras Vermächtnis“ eine fundierte und gut recherchierte Darstellung einer bedeutenden, heute weniger bekannten Schachpersönlichkeit. Das Buch eignet sich sowohl für Schachspieler, die sich für die Geschichte interessieren, als auch für Leser, die sich mit den Lebenswegen von Frauen in außergewöhnlichen gesellschaftlichen Positionen beschäftigen. Es leistet einen Beitrag dazu, Vera Menchiks Leistungen angemessen zu würdigen und sie wieder stärker ins Bewusstsein der Schachöffentlichkeit zu rücken.








